Dicke Menschen, die dicke Menschen diskriminieren
- "Wie kann das sein?" "Warum machen die das?"

Sabine Fischer

Von Sabine G. Fischer, systemische Familien- und Paartherapeutin, Psychotherapeutin und Schatzmeisterin der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung

 

 

 

 

Betroffene, Beobachter, Auszubildende, Menschen aus helfenden Berufe u.a. fragen sich fassungslos, was die Gründe dafür sind, dass dicke Menschen andere dicke Menschen diskriminieren. Immer wieder werden wir gefragt, wie das sein kann. Hier ein Fallbeispiel:

Eine Gruppe von drei „normal“-gewichtigen Menschen und einer sehr dicken Person (Kleidergröße 60) sitzen im Eiscafé und essen jeweils einen Eisbecher der gleichen Größe. In kurzer Entfernung geht eine Frau mit sehr hohem Körpergewicht (schätzungsweise Kleidergröße 66) an der kleinen Gesellschaft vorbei.
Die dicke Person aus der Gruppe äußert nun - so dass die Vorbeigehende mithören muss -, dass sie nicht verstehen kann, wie jemand sich „so gehen lassen“ kann: „Wie kann man mit soviel Fett durch die Straßen laufen?“ und dass die Fußgängerin „ja kaum noch Luft“ kriegt.

Die Runde lacht.

Ein Erklärungsansatz bietet sich nach der systemischen Betrachtungsweise:

Dicke Menschen erleben nahezu überall eine ablehnende Haltung. Ungefragt, ungebeten äußern sich, wann immer es ihnen beliebt, Mitbürger zum „offensichtlichen Problem“ mit Ratschlägen und Kommentaren von „gut gemeint“ bis „unverschämt“. Die ständige Präsenz über die Medien, dass „Dicksein abartig sei und nicht erwünscht ist“ führt zu einem Gefühl der innerlichen Bedrohung und u.U. der Angst vor äußerer Bedrohung.
Dieses bedrohliche Gefühl muss verdrängt werden, weil ansonsten das eigene Alltagskonzept ins Wacken gerät. Hinzu kommt, dass nach etlichem Scheitern, auf das hohe Gewicht Einfluss zu nehmen, Schuldgefühle, Scham und Wut entstehen.
Bleiben diese emotionalen Bewegungen unreflektiert – aus welchen Gründen auch immer – wird die Projektion nicht erkannt. Projektion heißt u.a., dass ich ein von mir abgelehntes Merkmal beim anderen erkenne und ablehne. Das Merkmal bei mir darf nicht wahrgenommen werden, weil das Gewahrwerden als zu bedrohlich erlebt wird.
Der Schutz vor Schmerz, Ohnmacht und Verzweiflung, sich nicht helfen zu können, ist oftmals groß.

Was ist passiert? Die im Fallbeispiel benannte dicke Frau hat u.U. selbst viele Erfahrungen mit Diskriminierung. Aus Gründen des Selbstschutzes will sie zum einen zu der „normal“gewichtigen Gruppe gehören. Unbewusst bedeutet das für sie einen sozialen Schutz: „Dann werde ich nicht diskriminiert.“ Zum anderen befürchtet sie u.U. deshalb, dass die drei Anwesenden das Gespräch gegen die Vorbeigehende diskriminierend eröffnen. Um dem zuvorzukommen, spricht sie selbst das an, was sie befürchtet gleich zu hören. Die unbewusste Angst, dann nicht mehr dazuzugehören, ist groß. Sie macht durch ihre diskriminierende Äußerung klar: „So wie DIE bin ich nicht (noch nicht)“ und „Ich bin eine von EUCH.“ Emotional geht die Person mit ihrem Verhalten und ihrer Äußerung in eine Art innere Abspaltung.
Der Schmerz über die eigene Betroffenheit wird verdrängt. Dass sie sich selbst nicht geschützt hat, weil sie in der Spiegelung im Grunde sich auch selbst verletzt hat, bleibt u.U. unreflektiert.

Das Bedürfnis „dazuzugehören“ und gleichzeitig immer wieder „Ablehnung“ zu erfahren, ist eine kaum auszuhaltende Situation.


© 2010, Sabine G. Fischer, Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung

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