Gesundheitsberufe und Patienten, die dick sind

Sabine Fischer

Von Sabine G. Fischer, staatl. examinierte Krankenschwester, Dipl.-Pflegepädagogin und Schatzmeisterin der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung

 

 

 

 

In den Lerninhalten für Berufe im Gesundheitswesen ist Übergewicht und damit das, was als behandlungsbedürftig gilt, definiert und beschrieben. Was für die Lehrenden und Lernenden jedoch fehlt, sind Kenntnisse zum Umgang mit der betroffenen Patientengruppe. Faktisch sind Ärzte, Pflegende, Physiotherapeuten – um nur einige zu nennen – in der Praxis mit gesunden dicken Menschen und schwerkranken dicken Menschen konfrontiert. Es zeigt sich, dass bis zu einem gewissen Übergewicht der Umgang mit den Betroffenen noch relativ moderat ist. Wenn das Gewicht jedoch sehr hoch wird (nach meinen Beobachtungen > 40 BMI bzw. größer als Kleidergröße 56/58), erfahren dicke Menschen auch hier Diskrimierungen.
Diese führen dazu, dass die Patienten Angst vor medizinischer und pflegerischer Versorgung haben, dass sie Situationen aushalten, wie Schmerz und Unbehagen, aus Sorge, im nächsten Kontakt mit der Schwester oder dem Arzt wiederholt eine ablehnende Reaktion zu erhalten.

Die Pflegenden berichten von Schamgefühlen und Unsicherheiten im Umgang mit dicken Menschen. Sie schildern, dass sie sich überfordert fühlen, weil es an Hilfsmitteln zur pflegerischen Versorgung und an der Schulung für den Umgang mit den Betroffenen mangelt. Medizinisches und pflegerisches Personal, das sich gegenüber dicken Menschen abwertend äußert, hat in der Regel zu wenig Kenntnisse in Bezug auf das Erleben, die biographischen Zusammenhänge und die Folgen von Diskriminierung für den Genesungs- und Pflegeprozess.

Wichtig ist, dass Angehörige in Gesundheitsberufen wahrnehmen, wie ihre persönliche Einstellungen gegenüber dem dicken Menschen ist. Hilfreich ist es, dem nachzugehen, wie es zu dieser Haltung gekommen ist. Dies ist jedoch nicht ganz einfach, weil diese Auseinandersetzung das eigene Körperbild, die eigene Angst vor zu viel Gewicht berührt und daher mitunter eher negiert wird.
Dennoch ist es im Rahmen professionellen Handelns notwendig, eine Haltung zu gewinnen, die die eigenen Ressentiments verändert.

Deshalb rate ich dazu, in Seminaren in Aus-, Fort- und Weiterbildungen selbstreflektierend mit dem Thema „Gewichtsdiskriminierung im Gesundheitswesen“ umzugehen.

Hierbei empfehle ich ein wertfreies „Ja, ich habe die Patientin beleidigt. Ich habe über die Folgen für mich und die Patientin nicht nachgedacht/sie verdrängt. Die Aggressivität in diesen Äußerungen war mir nicht präsent. Jetzt öffne ich mich einem konstruktiven Umgang mit dieser Patientengruppe.“

Der Auftrag lautet: hilfreiche Beziehungsgestaltung, die Angst und Misstrauen minimiert, damit Heilung möglich wird – auch für dicke Menschen im Gesundheitswesen.

 

Bitte lesen Sie auch unser Hinweisblatt für medizinisches Personal und Angestellte im Gesundheitswesen! [Download 117 KB]


© 2010, Sabine G. Fischer, Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung

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