Zeitungsbericht im Juni 2002: Southwest Airlines zwingt dicke Passagiere, zwei Tickets zu kaufen
Dallas - Extrem dicke Fluggäste müssen bei der amerikanischen Fluggesellschaft Southwest Airlines künftig zwei Tickets kaufen. Die Regelung trete in einer Woche in Kraft, berichteten US-Medien am Mittwoch. Anhaltspunkt sei, ob sich der Sicherheitsgurt um den Bauch des Fluggastes ohne Verlängerungsstück schließen lasse und ob die Armlehne herunterstellbar sei.
Sollte der Flug nicht voll sein, könnten die Passagiere anschließend die Erstattung eines Tickets beantragen, teilte die Fluggesellschaft mit.
Organisationen übergewichtiger Amerikanern äußerten sich empört und kündigten Diskriminierungsklagen gegen Southwest Airlines an. Die Sitze seien einfach zu klein, kritisierte Aktivistin Miriam Berg in der "Washington Times". Die Amerikaner würden eben dicker - und die Fluggesellschaften hätten die Verpflichtung, ihre Sitze anzupassen. (APA)
Quelle: derstandard.at unter Panorama
Im Juni 2002 kündigte Southwest Airlines an, dass sie streng und einheitlich ihre Richtlinie durchsetzen würde, die verlangt, dass dicke Passagiere zwei Sitze für ihren Flug kaufen. Die Geschichte drang an die Öffentlichkeit durch einen Artikel der "Washington Times", in dem Miriam Berg, Präsidentin des Council on Size & Weight Discrimination, genannt wurde. In den darauf folgenden Tagen gaben Vertreter des Council der Presse, dem Radio, dem Fernsehen und Online-Zeitungen fast einhundert Interviews. Der Council erhielt außerdem zahllose E-Mails, einige für, andere gegen unsere Position. Der folgende Beitrag erläutert unsere Position und warum wir gegen die Firmenpolitik von Southwest sind.
Wirtschaftsunternehmen sollten durch guten Service um ihre Marktposition kämpfen
In einer freien Marktwirtschaft treten Unternehmen normalerweise um den Euro des Konsumenten in Wettbewerb. Die Firma, die das beste Angebot macht, bekommt den Auftrag. Das gilt heute für praktisch allen Branchen, nur nicht für Fluggesellschaften. Statt ihren Service zugänglicher und angenehmer zu machen, belassen sie ihre Sitze gleich eng und machen dann dickere Leute verantwortlich dafür, dass sich alle unwohl fühlen.
Flugzeugsitze sind für den Großteil der Bevölkerung viel zu eng. Nur wenige fühlen sich in Flugzeugsitzen wohl. Sie sind schmaler als Sitze in Bus, Bahn und allen anderen Transportmitteln. Nur Kinder und vielleicht das schmalste Viertel der Bevölkerung passen bequem hinein. Bis vor Kurzem haben sich Sitzdesigner an einer 1950 durchgeführten Harvard-Studie an Bahnpassagieren, die zu dem Ergebnis kam, dass der Durchschnittserwachsene 18 Zoll (41,5 cm) pro Sitz braucht, orientiert. Eine Studie der Society of Automotive Engineers, die diese Informationen aktualisieren soll, wird gerade durchgeführt.
Im Gegensatz zu Fluggesellschaften haben Architekten von Sportstadien oder Kinos realisiert, dass sie ihre Gebäude den Menschen anpassen müssen, für die sie gebaut werden. Statt auf die Resultate der neuen Studie zu warten, haben sie einfach eingesehen, dass die Bevölkerung inzwischen sowohl größer als auch breiter geworden ist, und sie installieren breitere Sitze und bieten mehr Fußraum als noch vor ein paar Jahren. Viele Kinos bauen 55-cm-Sitze ein, und Sportstadien bauen Sitze, die zwischen 48 und 61 cm breit sind. Manche Einrichtungen haben 20% extrabreite Sitze, und manchmal muss man dafür etwas mehr bezahlen. Das wäre eine fairere Lösung, als Sitze sehr schmal zu machen und die Leute doppelt bezahlen zu lassen.
Kino- und Stadium-Architekten haben die Tatsache zur Kenntnis genommen, dass die Bevölkerung breiter wird. Sie kennen Ihre Kunden und bieten einen Service an, der ihre Kunden zufrieden macht und sie wiederkommen lässt. Warum folgen Fluggesellschaften nicht dem selben grundlegenden Wirtschaftsprinzip, nämlich um den Euro des Kunden in Wettbewerb zu treten?
Menschen sind keine Pakete
In ihren neuesten Aussagen sagt die Fluglinie Southwest, dass sie für den Gebrauch von mehr Raum auch mehr Geld verlangen müssten, so wie sie das bei Fracht machen. Der Unterschied zwischen Menschen und Paketen ist, daß Menschen einen Flug buchen, während man für Pakete nach Gewicht oder Volumen bezahlt. Southwest Airlines behandelt Menschen wie Pakete.
Menschen gibt es in vielen Kleidergrößen
Es gibt beträchtliche Unterschiede zwischen Menschen, was Kleidergröße, Form und Gewicht angeht. Die Fluglinien gestehen Kindern und schmalen Erwachsenen nicht zu, weniger zu zahlen. Größere Personen bezahlen nicht mehr. American-Football-Spieler müssen keine zwei Tickets kaufen. Schwangere Frauen und Mütter mit Kleinkindern bezahlen nicht doppelt. Leute, die schwerer sind als der Durchschnitt, werden von Southwest und anderen Fluggesellschaften als einzige dazu gezwungen, mehr zu zahlen, obwohl andere Gruppen auch mehr als einen Sitz in Anspruch nehmen. Der Grund für diese Diskrepanz ist, dass schwere Leute nicht in sozial gebilligte Kategorien fallen. Fluggesellschaften glauben, dass sie damit durchkommen, solche Leute zu diskriminieren, weil es sowieso schon eine Menge Feindseligkeit gegen sie gibt.
Die Deutschen werden schwerer. Manche Leute mögen diese Tatsache vielleicht nicht, aber es ist eine Tatsache. In den USA wird mehr als 60% der Bevölkerung als übergewichtig klassifiziert, wenn man dem National Institute of Health Glauben schenkt. Wenn sich die Fluggesellschaften also an der Mehrheit der Passagiere orientieren wollten, müssten sie ihre Sitze bequemer machen.
Fluggesellschaften sind ein öffentliches Gut
Der Luftverkehr ist ein öffentliches Gut, dem erlaubt wird, Dienste für das öffentliche Interesse anzubieten. Als Wirtschaftsunternehmen haben Fluggesellschaften die Verpflichtung, Gewinn zu machen. Als öffentliche Dienstleister jedoch müssen Fluggesellschaften der Öffentlichkeit dienen, indem sie ihre Sitze angemessen breit für den Großteil der Bevölkerung machen. Wenn sie nicht willens sind, das zu tun, dann müssen sie denjenigen, die zusätzlichen Raum brauchen, entgegenkommen, indem sie ihnen einen zusätzlichen Sitz oder den Teil eines Sitzes kostenlos anbieten. Das tun sie schon für Mütter mit Kleinkindern, American-Football-Spieler und Menschen mit Behinderungen. Die meisten Fluglinien bedienen behinderte Passagiere, ohne sie doppelt dafür zur Kasse zu bitten. Nur wenige Flüge sind 100%ig ausgebucht, so dass es kein Problem wäre für den Ticketverkäufer, den Sitz neben einer Person, die aus irgendeinem Grund mehr Platz braucht, freizuhalten.
Nur mäßig dicke Leute haben ebenfalls Nachteile
Wir machen uns nicht nur Sorgen um sehr dicke Passagiere, sondern auch um nur mäßig dicke, die jetzt schon dazu gezwungen werden, ein zweites Ticket zu kaufen, wo sie nie zuvor eins brauchten. Nachdem Southwest ihre neue Richtlinie verkündete, passierte einem Mann aus Kalifornien, der mit Southwest schon seit Jahren ohne Probleme geflogen war und bisher immer in einen Sitz gepasst hatte, Folgendes: Nach Southwests Ankündigung sagte ihm ein Ticketverkäufer, er müsse nun zwei Sitze kaufen. Diese Szene wird sich inzwischen wohl auch überall in Deutschland mit schöner Regelmäßigkeit wiederholen.
Irreführende Werbung
Die neue Richtlinie von Southwest ist irreführende Werbung. Wenn eine Fluggesellschaft einem Passagier ein Ticket verkauft, heißt es nicht, für 200 EUR bekommen Sie 41,5 cm Sitz nach Paris. Man verkauft keine bestimmte Anzahl von Zentimetern Sitz, sondern die Beförderung von einem Ort zu einem anderen. In der Werbung heißt es, ein Bahnticket kostet soundsoviel. Jetzt legen sie einer Fahrkarte ein neues Limit auf und sagen, dass die Fahrkarte für manche Passagiere nicht gilt. Das ist irreführende Werbung. Fluggesellschaften müssen ihre Passagiere vorher über die Beförderungsbedingungen ihrer Flüge informieren. Nur dann kann ein Kunde entscheiden, ob er mit dieser speziellen Fluglinie fliegen will. Es ist nicht fair, den Leuten von dieser Bedingung zu erzählen, nachdem sie die Tickets gekauft haben und schon am Gate stehen.
Wer kann entscheiden?
Die Richtlinien von Southwest sind extrem vage und offen für Interpretation und Missbrauch. Wie kann man entscheiden, wer zwei Sitze kaufen muss? Muss man Waagen oder Maßbänder am Ticketschalter einführen? Wird es dort einen Flugzeugsitz geben, und die Leute müssen beweisen, dass sie hineinpassen? Oder bleibt es dem Ticketverkäufer überlassen, das Gewicht einer Person zu schätzen? Was, wenn der Ticketverkäufer gerade einen schlechten Tag hat und anfängt, von Leuten doppelte Bezahlung zu fordern, die wunderbar in einen Einzelsitz passen würden?
Zwei Sitze, sogar bei einem leeren Flug
Die Richtlinien von Southwest sind übertrieben streng. Wenn bestimmt wird, dass Sie zwei Tickets kaufen müssen, müssen Sie zwei Tickets kaufen, egal, wie leer der Flug ist. Sie müssen doppelt zahlen, sogar wenn Sie der einzige Passagier auf dem Flug sind. Angeblich können Sie Ihr Geld hinterher wiederbekommen, wenn der Flug nicht ausverkauft war, aber von den bürokratischen Hürden, über die Sie vor der Erstattung springen müssen, sagen sie nichts. Wahrscheinlich zählen sie darauf, dass es den meisten Leuten zu peinlich ist, die Erstattung zu beantragen.
Bonusmeilen gibt es nicht für Extrasitze
Von vielen Passagieren haben wir gehört, dass sie für zwei Sitze bezahlt haben und dann herausfanden, dass die Fluggesellschaft ihnen für den Extrasitz keine Bonusmeilen gutgeschrieben hat. Bonusmeilen sollten eigentlich ein Rabatt sein für Leute, die viele Tickets kaufen. Sie sollten auch für Extrasitze gelten.
Schlechte Presse und Klagen
Früher oder später fallen die neuen Richtlinien von Southwest auf sie zurück. Wahrscheinlich gibt es schlechte Presse, Missmut und Klagen. Menschen, die dicker sind als der Durchschnitt, ihre Familien und Leute, die die Richtlinien unfair finden, werden ihre Flugtickets woanders kaufen. Die Gesellschaft gegen Gewichtdiskriminierung bemüht sich nach Kräften, Sie bei Ihrer Klage gegen eine solche Richtlinie zu unterstützen.
Was die Fluggesellschaften tun sollten
Es gibt mehrere Dinge, die Fluggesellschaften tun könnten, um die Situation zu entschärfen. Wenn sie einen Sitz pro Reihe und eine Reihe pro Flugzeug herausnehmen würden, gäbe es genug Platz, um die anderen Sitze zu verbreitern und mehr Fußraum zu schaffen. Das würde sowohl breiteren als auch größeren Passagieren sehr entgegenkommen. Vielleicht müssten die Preise des einzelnen Tickets dadurch ein wenig verteuert werden, aber Fliegen wäre eine wesentlich angenehmere Angelegenheit, und die Kunden würden die Preiserhöhung sicherlich akzeptieren. Im Moment sind Sitze für die Schmalsten unter uns gebaut, und so müssen die breiteren Passagiere für die schmaleren mitbezahlen.
Die Fluggesellschaften könnten die Situation ebenfalls entschärfen dadurch, dass sie ein paar Reihen mit breiteren oder anpassungsfähigen Sitzen einbauen, die von denen genutzt werden können, die mehr Raum brauchen, seien es breitere Leute, Leute mit Behinderungen oder solche, die aus irgendeinem anderen Grund mehr Raum brauchen. Da vermutlich alle Passagiere, auch die schmaleren, vermutlich lieber in solchen Sitzen sitzen möchten, müsste es aber Einschränkungen geben dahingehend, wer solche Sitze buchen kann.
Was Sie als Kunde tun können
Wir fordern Sie ausdrücklich auf, den Fluggesellschaften zu schreiben und sich über die Größe von Flugzeugsitzen und über unfaire Richtlinien zu beschweren. Da Postbriefe meist eine größere Wirkung haben als E-Mails, empfehlen wir Ihnen, darauf zurückzugreifen. Eine Adressliste der wichtigsten Fluggesellschaften finden Sie hier.
Was Sie als tun können, wenn Sie ein breiterer Reisender sind
Bis die Fluggesellschaften ihre Sitze breit genug machen für die Mehrheit der Bevölkerung, empfehlen wir breiteren Reisenden das Folgende:
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