Der Kampf gegen Gewichtsvorurteile

Ein Bericht über den Workshop "Kinder gibt es in allen Kleidergrößen"


Von Nancy Summer und Cathi Rodgveller. Ursprünglich veröffentlicht im Healthy Weight Journal vom November/Dezember 1996.

Kinder über Gewichtsvorurteile aufzuklären ist ein wichtiger Bestandteil im Lernprozess über kulturelle Vielfalt. Wir bieten unsere Workshops Mittelschülern im Alter von 10 bis 14 Jahren an. In diesem Alter werden sich Kinder ihres Körpers bewusst und sind noch relativ flexibel in ihren Ansichten. Dies ist ein guter Zeitpunkt, Vorurteile und Märchen über dicke Menschen in Frage zu stellen.

Obwohl es sicherlich auch wichtig ist, mit dickeren Kindern einzeln oder in Gruppen zu arbeiten, glauben wir, dass Workshops für Kinder aller Kleidergrößen die Grundlage bilden sollten. Unser Ansatz besteht darin, die Parallelen von Gewichtsdiskriminierung zu anderen Formen von Diskriminierung aufzuzeigen und den persönlichen Vorteil aller Kinder zu diskutieren, der sich aus einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Thema ergibt. Das heißt, wir beginnen mit den persönlichen Bedürfnissen der Kinder, gehen dann aber weiter in einen politischen Kontext und bieten Möglichkeiten an, wie Gewichtsdiskriminierung im Schulkontext bekämpft werden kann.

Die Kursleiter

Besonders an dem Workshop ist, dass er von einer dicken Gastrednerin und einer Schulpsychologin oder Lehrerin der Schule zusammen durchgeführt wird. Wir haben festgestellt, dass das eine produktive und wirksame Kombination für die Vermittlung des Themas (der Informationen) ist.

Der Workshop kann auch von einem durchschnittlich schweren Kursleiter angeboten werden, doch als Anschauungsmaterial und für die persönliche Komponente ist es von Vorteil, wenn eine dicke Person an der Leitung des Workshops beteiligt ist. Der Kursleiter kann beispielsweise einen dicken Vater oder eine dicke Mutter als Co-Leiter mit einbeziehen.

Die Rolle der dicken Person besteht darin, durch ihre Anwesenheit eine Veranschaulichung der Themen des Workshops darzustellen sowie als Rollenvorbild zu agieren, an das sich die Schüler nach Ende des Workshops erinnern. (Aus diesem Grund ist es äußerst wichtig, dass diese Person verglichen mit dem, was in der Schule üblich ist, gut gekleidet und gepflegt auftritt.)

Die Kinder

Die Grundlage des Kurses besteht darin, dass interessierte Kinder verschiedener Kleidergrößen daran teilnehmen. Diese Kleidergrößenvielfalt ist ungeheuer wichtig für den Erfolg des Kurses. Bisher wurde der Kurs vom Schulpsychologen angekündigt und als freiwillige AG durchgeführt. Gesondert angesprochen wurden Mädchen, die nach Meinung der Schulpsychologen besonders von dem Thema betroffen sind (entweder aufgrund ihres Gewichts oder wegen ihrer Haltung zu ihrem eigenen Körperbild oder das anderer). Dennoch denken wir, dass es wichtig ist, dicke Schüler auf keinen Fall auszusondern, da ihnen dies peinlich sein oder sie verletzen könnte. Die Teilnahme muss freiwillig sein. Nach diesen Richtlinien führen wir Kurse durch sowohl mit sehr dünnen Mädchen und bekennenden Anorektikerinnen als auch mit sehr dicken Mädchen und Mädchen aller Kleidergrößen dazwischen.

Bisher bezieht sich unsere Erfahrung in den Workshops nur auf Mädchen, obwohl wir glauben, dass auch bei Jungen ein großer Bedarf danach besteht. Wir sind allerdings der Meinung, dass wegen der Thematik des Kurses gemischte Gruppen nicht zu empfehlen sind. Für Mädchen kann es sogar schon schwierig sein, in einer rein weiblichen Gruppe über dieses Thema zu sprechen. Doch wenn die Mädchen Vertrauen fassen, erzählen sie uns von sehr persönlichen Ängsten: einen zu kleinen oder zu großen Busen zu haben, dass sie von Jungen wegen ihres Gewichts drangsaliert werden, ihre Ängste, dass Jungen sie niemals attraktiv finden werden – alles Dinge, über die sie nie sprechen würden, wären Jungen anwesend.

Unsere Erfahrung mit dicken Jungen zeigt, dass auch deren persönliche Probleme sehr unangenehm sein können: von demotivierenden Sportlehrern werden sie "Mädchen" genannt, wegen ihrer "Busen" ausgelacht und müssen sich Witze anhören, dass sie niemals Sex mit einem Mädchen haben könnten, weil ihr Bauch im Weg wäre. Das sind entschieden keine Themen, die sie in der Anwesenheit von Mädchen besprechen würden. Aus diesem Grund empfehlen wir, dass bei Jungenkursen ein dicker Mann und ein Schulpsychologe oder Lehrer der Schule die Kurse leiten.

Die dicke Vorzeigeperson

Für viele Kinder ist es schwer, über ihre durch ihr Gewicht ausgelösten Sorgen zu reden. Schamgefühl ist hierfür die Hauptursache. Einige Kinder schweigen während des gesamten Workshops und sind nicht fähig zu einer Bemerkung. Wir haben bemerkt, dass Mädchen desto zurückhaltender sind, je dicker sie sind. Wir bestehen nicht darauf, dass diese Mädchen etwas sagen, wenn sie nicht wollen. Stattdessen übernimmt der dicke Gruppenleiter die Rolle der "dicken Vorzeigeperson" im Raum.

Unter anderem erzählen wir viele persönliche Geschichten während des Workshops. Wir wählen Geschichten, zu denen die Kinder Zugang haben und die etwas extrem sind. Eine dieser Geschichten, die immer heftige Reaktionen hervorruft, erzählt von Nancy, die 14 war, als ihre Familie in eine neue Stadt zog. Nachdem die Umzugsleute abgefahren waren, stellte sie fest, dass ihr Fahrrad fehlte. Ihre Mutter sagte ihr, sie hätte es nicht aus Versehen vergessen, sondern einem der Umzugsleute geschenkt. Als Nancy daraufhin wütend wurde, schrie ihre Mutter, dass sie nicht wollte, dass "die neuen Nachbarn [Nancys] fetten Arsch auf dem Sattel auf- und abschwabbeln" sähen.

Die Kinder sind wütend über das Verhalten der Mutter und haben immer Mitleid mit Nancy. Gewöhnlich sind es die dünneren Mädchen, die ihrem Ärger eine Stimme verleihen. Die dickeren Mädchen beobachten ihre Reaktionen. Sie sehen, wie ihre dünneren Klassenkameradinnen das Verhalten der Mutter als falsch empfinden, und hören sich ihre Vorschläge an, wie Nancy damit hätte umgehen können. Wir erinnern uns an einen Workshop, in dem das dickste Mädchen während des gesamten Workshops still, mit gerunzelter Stirn und vor der Brust verschränkten Armen auf ihrem Platz saß. Doch als eine dünnere Klassenkameradin vorschlug, dass Nancy ihrer Mutter eine hätte "klatschen" sollen für ihre grausame Bemerkung, begann sie zu lächeln und ließ die Arme sinken. Wir führten die Diskussion fort, indem wir erörterten, warum Gewalt keine gute Lösung sei, doch das dickste Mädchen hatte gehört, was sie hören musste: dass sie in ihrem Zorn nicht allein war und dass eine dünnere Freundin verstehen konnte, welch schlimme Situationen sie ertragen musste, so dass diese sogar selbst Lust hätte, jemandem "eine zu klatschen". Während dieses Workshops sahen wir sie aufblühen.

Unterstützung unter Gleichaltrigen

All dies führt dann zum Punkt der gegenseitigen Unterstützung Gleichaltriger in der Auseinandersetzung mit gewichtsbedingter Diskriminierung. Der Bully, der durch die Schul-Cafeteria "Hey, Fettsack!" brüllt, verletzt damit nicht nur das dicke Kind, sondern jedes Mädchen und jeden Jungen, die oder der die Beleidigung mithört. Sein Verhalten führt dazu, dass jeder Angst haben muss, selbst zur Zielscheibe zu werden. Dünne Kinder werden davor Angst haben, selbst dick zu werden. Dem Bully muss Einhalt geboten werden, so dass jedes Kind sich frei entfalten kann. Am Ende des Workshops verstehen die Kinder diesen Punkt.

Cathi Rodgveller startete in New York an der Schule, an der sie als Schulpsychologin arbeitete, ein Unterstützungsprogramm gegen sexuelle Belästigung. Die Mädchen in ihren Gruppen haben sich zusammengetan, einen Plan zur Bekämpfung sexueller Belästigung entwickelt, sind damit in Mädchen-Sportkurse gegangen und haben andere Mädchen davon überzeugt, mitzumachen. Fast alle Mädchen in der Schule haben eingewilligt, sich gegenseitig zu unterstützen, wenn sie ein Mädchen sehen, das sexuell belästigt wird. Statt dass beispielsweise das einzelne Mädchen Kommentare über die Größe ihrer Brüste abwehren muss, kommt ihr nun eine Gruppe von Mädchen zur Hilfe und sagt den Jungen, dass sie aufhören sollen. Mit der richtigen Unterstützung von Schulpsychologen und Lehrern könnte man an den meisten Schulen ein ähnliches Programm für den Kampf gegen Gewichtsdiskriminierung ins Leben rufen.

Workshoptechniken

Die Dauer der Workshops beträgt in der Regel zwei bis drei Stunden. Je mehr Kinder in der Gruppe sind, desto mehr Zeit wird benötigt, um jedem Kind die Gelegenheit zum Sprechen zu geben. Unsere zweistündigen Workshops sind normalerweise für acht bis zehn Mädchen, die dreistündigen für bis zu zwanzig Mädchen.

Wir verwenden verschiedene Techniken:

  • Persönliche Geschichten aus unserem Leben und dem anderer dicker Menschen
  • "Dampf ablassen": den Kindern die Möglichkeit geben, die Beleidigungen und Bemerkungen, die sie über dicke Kinder und Erwachsene hören, laut auszusprechen
  • Gerüchte und Tatsachen: aus den Kindern die Vorurteile locken, die sie gegenüber dicken Menschen haben, und diesen mit Tatsachen entgegen treten
  • Teilen: es dicken Kindern und Kindern mit Essstörungen ermöglichen, ihre Erfahrungen auf eine Art und Weise mitzuteilen, die andere verstehen können.
  • Vergleichen: Bilder und kurze Filme einsetzen, um über Werbung und die Darstellung von Schönheit/Attraktivität in den Medien zu diskutieren
  • Rollenspiele: den Kindern ermöglichen, in die Rolle des Bully, des Opfers und des Problemlösers zu schlüpfen, um verschiedene Möglichkeiten zu finden, mit verschieden gelagerten Situationen umzugehen.
  • Besprechung von einzelnen Situationen: Handouts mit Titeln wie "Ist das Diskriminierung?" geben Kindern die Möglichkeit, sich selbst zu testen, wie viel sie im Workshop gelernt haben, indem sie sich Situationen vorstellen und erklären, was eine vorurteilsfreie Antwort sein könnte
Sprache

Wenn einer von uns den Raum betritt, sehen die Kinder eine dicke Person. Unser Umfang ist das erste Anschauungsmaterial. Wir nutzen es, um die Diskussion mit einem Paukenschlag zu eröffnen. Wir bitten die Kinder, an alle Wörter zu denken, mit denen dicke Menschen beschimpft werden. Wenn die Mädchen zu höflich sind, fragen wir sie, was die Jungen in ihrer Klasse sagen würden, wenn sie uns den Korridor entlang laufen sähen. Dann listen wir all diese Wörter an der Tafel auf und sprechen über einige davon. ("Schwabbelarsch" erfordert keine Erörterung, aber Tiernamen wie "Pferd" oder "Walross" können zu der Feststellung führen, dass diese Tiere ihre eigene Schönheit besitzen.) Dann sprechen wir über Gerüchte und Vorurteile und Tatsachen, die diesen entgegenstehen. Wir listen auch positive Aspekte des Wortes "Fett" auf.

"Wie definieren wir Schönheit und wo lernen wir diese Definition?". Dies ist die nächste Frage. Wenn die Mädchen "aus dem Fernsehen" oder "aus Zeitschriften" sagen, führen wir den Gesichtspunkt ein, dass Glamour ein Look und keine Kleidergröße ist. Wir vergleichen Fotos aus Zeitschriften wie Vogue mit Fotos von fülligen Models aus Radiance, BBW und Essence. Danach händigen wir Ausgaben dieser Zeitschriften sowie einiger Kataloge Making It Big aus, um den Mädchen dickere Models zu zeigen. Wir sprechen auch über dicke Schauspielerinnen wie Roseanne. (In einer Jungengruppe kann ein ähnlicher Vergleich zwischen männlichen Models gemacht werden, außerdem gibt es viele bekannte dicke Schauspieler.) Bilder von berühmten dicken Leuten zu zeigen ist sehr wichtig.

Wenn es um die Definition von Fitness geht, zeigen wir Fotos von dickeren Athleten, wie z.B. Lynn Cox, die Langstreckenschwimmerin. Für Jungen gibt es viele dicke Sportler. Auch hier sind Fotos wichtig.

Wir sprechen über gesunde Ernährung und darüber, ausgewogen und genug zu essen, um dem im Wachstum begriffenen Körper ausreichend Energie zu geben. (An diesem Punkt reden wir über Diäten, Sportsucht, den Missbrauch von Schlankheitspillen, über Magersucht und Bulimie. Dies sind auch Probleme für Jungen, wobei hier der Missbrauch von Steroiden nicht vernachlässigt werden sollte.) Nancy erwähnt unter anderem, dass sie, bis sie dreißig war, ständig Diäten gemacht hat, und dass sie erst, seitdem sie damit aufgehört hat, nicht mehr zunimmt.

Wir sprechen darüber, wie wichtig sportliche Betätigung für alle Kinder ist, nicht nur für solche, die gut in Sport sind. Wenn die Schule keine wettbewerbsfreien Sportarten anbietet, regen wir ein Brainstorming an, um Vorschläge zu sammeln, wie dies geändert werden könnte. Wir sprechen auch über die Freizeitaktivitäten, die die Kinder nach der Schule gern machen.

Rollenspiele

Wir stellen Situationen vor und fragen die Kinder, wie sie die Probleme lösen würden. Ein Beispiel: Als wir eines Tages hinter einem Schulbus im Auto fuhren, machten sich die Kinder im Rückfenster über uns lustig. Wir fragten die Mädchen, wie wir auf diese Beleidigungen hätten reagieren sollen, und sie hatten jede Menge guter Vorschläge.

Eine gute Methode ist es, Freiwillige zu bitten, bestimmte Rollen zu spielen: den Bully, das Opfer und zwei oder drei Zeugen. Wir sagen dem Bully, was er tun und sagen soll, und bitten das Opfer und die Zeugen, ihre Gefühle dabei auszudrücken. Danach versuchen wir, eine Möglichkeit zu finden, die Situation zu einem positiven Ende zu bringen. Dies ist eine gute Übung dafür, mit Vorurteilen umzugehen, die auf Gewicht beruhen.

Zu guter letzt, wenn noch Zeit ist, besprechen wir einige der Situationen, die im Handout "Ist das Diskriminierung?" beschrieben werden. Meist bleibt dafür keine Zeit mehr, aber wir regen die Mädchen an, dieses und die anderen Handouts mit ihren Eltern zu lesen und zu diskutieren.

Die Workshops "Kinder gibt es in allen Kleidergrößen" haben vielen jungen Mädchen in dem Prozess geholfen, sich nach und nach in ihrem Körper wohl zu fühlen. Sie haben die negativen Botschaften, die sie von der Werbung, ihrer Familie und Gleichaltrigen hören, abgewehrt. Sie vermitteln Toleranz und ein Verständnis für Andersartigkeit und Vielfältigkeit. Außerdem zeigen sie, wie Mädchen aller Kleidergrößen sich und andere gegen die vorurteilsbehafteten Haltungen, denen sie im Leben begegnen, wehren können.


Nancy Summer aus Bearsville, NY, ist Gründerin des Council on Size & Weight Discimination, und Miteigentümerin von Amplestuff, einem Versandladen mit Produkten für dicke Leute.

Cathi Rodgveller aus Seattle, Washington State, ist eine von New York und Washington State zertifizierte Schulpsychologin. Ihr Programm für gefährdete Kinder, das auf der Basis der gegenseitigen Unterstützung Gleichaltriger beruht, wurde in einer Spezialsendung des Public Broadcasting Service [= Amerikas Antwort auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen] ausgestrahlt.

Fragen?

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