Medizinische Aspekte
des Dickseins

Der "Terror von innen" und worum es eigentlich geht

Bei jeder Diskussion ums Dicksein scheinen die medizinischen Aspekten der Kilos die zentrale Frage zu sein. Auf der Basis der angeblich verheerenden gesundheitlichen Folgen wird eine Diskussion geführt, die dicke Menschen nicht nur als selbstzerstörerische, willensschwache Individuen oder bestenfalls als Opfer (ihrer neurotischen Psyche, ihrer Armut, ihrer mangelnden Bildung etc.) markiert, sondern in der ihnen gar die Verantwortung für den Niedergang des Gesundheitssystems gegeben wird. Der dicke Mensch wird zur Gefahr für den Sozialstaat: Von einer "Adipositas-Epidemie" ist die Rede, die - zumindest in den USA - bis vor kurzem als "Todesursache Nummer eins", als "Terror von innen" gekennzeichnet wurde, bis die Zahlen dann doch wieder deutlich nach unten korrigiert werden mussten. Noch schlimmer: In manchen Gegenden der Welt muss - so der Tagesspiegel vom 13.11.2006 - schon mit einem Aussterben der Ureinwohner durch Adipositas und Diabetes gerechnet werden (z.B. in Australien, dem Pazifikraum und Amerika).

Konsequenterweise versuchen Regierungen in der ganzen Welt, der drohenden Zersetzung von innen entgegenzutreten, und zwar durch eine Reihe von Kampagnen und Vorschriften, die nach dem Motto „Dein Körper ist meine Angelegenheit“ gegen die zunehmende Verfettung intervenieren. Das begann spätestens mit den Aktionen der ehemaligen Verbraucherschutzministerin Renate Künast, geht über Seehofers „Nationalen Aktionsplan zur Prävention von Fehlernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht“ vom Mai 2007 bis hin zur Zweiten Nationalen Verzehrsstudie. An Modellschulen in England werden Essensauswahl und Kalorienzufuhr der Kinder per Fingerabdruck gespeichert, um die Eltern über das Ernährungsverhalten ihrer Kinder informiert zu halten. Um Schulen herum wurden „Junk-Food-Bannmeilen“ eingerichtet, in denen die traditionellen Fish&Chips-Wägen nicht halten dürfen. In Singapur müssen übergewichtige Kinder zusätzliche Sportkurse belegen. Getoppt wurde all das durch den US-Bundesstaat Mississippi, wo im Februar 2008 ein Gesetzentwurf eingereicht wurde, der Gastwirten die Bewirtung von Menschen über einem BMI von 30 verbieten soll.

Was ist dran an der gesundheitlichen Gefahr durch den Speck? Und worum geht es bei der Diskussion eigentlich? Angeblich soll nur auf das Problem aufmerksam gemacht werden, um dicke Menschen und Menschen, die dick werden könnten, vor den verheerenden gesundheitlichen Gefahren der Kilos zu schützen. Doch geht es um Gesundheit, wenn schon Kindergartenkinder lieber mit behinderten Kindern befreundet sein möchten als mit dicken, wenn Fünfjährige sich lieber einen Arm abschneiden würden, als dick zu sein, wenn amerikanische College-Studenten Drogensüchtige oder Ladendiebe als Heiratspartner durchweg akzeptabler finden als Dicke? Kaum zu glauben, dass sich ein Kindergartenkind nur Sorgen um das Diabetesrisiko seiner Spielkameraden macht.

Wir meinen, dass die Gesundheitsdebatte im weitesten Sinne das Symptom eines tieferliegenden Problems kultureller Art ist. Es geht um alles Mögliche, um den dicken Körper als Symbol für Disziplinlosigkeit, für Leistungsschwäche, für die Herrschaft des Körpers über den Geist, für Dummheit, mangelnde Bildung, Faulheit, Armut, Dreck, Überkonsum; es geht um Konzepte von Natürlichkeit und von Bescheidenheit, um gute, reine, unschuldige Mädchen und böse, hässliche, gierige Frauen: worum -- das näher zu untersuchen erfordert noch ein gutes Stück Arbeit insbesondere der Sozial- und Kulturwissenschaften. Fest steht: Die vermeintliche Sorge um die Gesundheit unserer dicken Mitmenschen kaschiert allzu oft bewusste oder unbewusste Ängste, Aggressionen und Vorurteile, die dann in ihrem gesellschaftlich kollektivem Ausmaß systematische Diskriminierung erzeugen.

Wir waren uns lange uneinig, ob wir uns überhaupt auf die medizinische Debatte einlassen sollten: Schließlich ist die Diskriminierung dicker Menschen in jedem Fall zu verurteilen, egal wie sehr oder wenig das Dicksein gesundheitsgefährdend ist. Da aber, wie oben erläutert, die Diskriminierung sich häufig unter dem scheinbar rationalen Deckmantel des medizinischen Diskurses versteckt, die medizinischen Fakten jedoch in populär- oder nichtwissenschaftlichen Medien meist verzerrt wiedergegeben werden, haben wir hier einige Punkte zur medizinischen Diskussion zusammengestellt. Viel Spaß beim Lesen und Mitdiskutieren!

Wie Sie an seriöse Informationen kommen

Bei diesem Thema ist es natürlich wenig hilfreich, sich auf seine Intuitionen zu verlassen á la "das kann ja nicht gesund sein". Sie sollten nicht auf Ihr Apothekenheftchen bauen oder die Magazine, die beim Arzt im Wartezimmer herumliegen. Obwohl Vertrauen in Ihren Arzt/Ihre Ärztin essentiell ist für den Erfolg einer Behandlung, ist es wichtig, auch bei ärztlichen Informationen kritisch mitzudenken. Auch Ärzte sind Menschen, die Vorurteile haben können, auch Ärzte sind manchmal nicht 100%ig informiert, haben z.B. nicht die Zeit, sich ernsthaft wissenschaftlich mit allen Problematiken auseinanderzusetzen.

Wenn Sie an halbwegs glaubhafte Informationen kommen wollen, müssen Sie früher oder später selbst auf Studien und Statistiken zurückgreifen. Wenn Sie sich über die medizinischen Aspekte des Dickseins informieren möchten, achten Sie in jedem Fall darauf, dass Ihre Quellen hochseriös sind (am besten unabhängig finanziert und von Regierungsorganisationen herausgegeben oder in bekannten begutachteten Fachzeitschriften erschienen). Studien, die von der Fitness- und Diätindustrie (z.B. den Weight Watchers) finanziert oder mitfinanziert wurden, sollten Sie immer skeptisch hinterfragen. Bei jeder Studie gilt: Lesen Sie nicht nur die Zusammenfassung, sondern befassen Sie sich ausführlich mit den tatsächlichen Ergebnissen! Wenn Sie tiefer einsteigen möchten, besorgen Sie sich ein gutes Einführungsbuch in die Statistik, um sich über den Umgang mit Statistiken und Studien zu informieren.


Diese Punkte werden in Kürze hier behandelt:

Sterblichkeitsrisiko dicker Menschen

Erkrankungsrisiko dicker Menschen

Herz-Kreislauferkrankungen

Bluthochdruck

Diabetes mellitus Typ II

Krebserkrankungen

Sinn und Unsinn des BMI

Zusammenhang von Essensgewohnheiten und Gewicht

Medizinische Folgen von Diäten

Adipositas und das Gesundheitssystem

Fazit/Weitere Informationen

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