Von Lynn McAfee
Gute, unvoreingenommene medizinische Versorgung ist für dicke Menschen keine Selbstverständlichkeit. Viele stellen fest, dass ihnen medizinische Versorgung von ihren Ärzten vorenthalten wird, um sie dazu zu bringen, abzunehmen. Nach einer E-Mail-Umfrage habe ich in einer Woche über 50 Berichte aus erster Hand erhalten, die von Fehldiagnosen, schlechter Behandlung und Missbrauch dicker Patienten erzählen.
Ein Arzt empfahl seiner Patientin: "Nehmen Sie dies hier mit den Mahlzeiten ein" und fügte geringschätzig hinzu: "Sollte für Sie ja kein Problem sein." Ein Kinderarzt schrie seinen 10-jährigen Patienten an: "Du bist zu fett! Entweder du nimmst ab, oder ich stecke dich ins Krankenhaus!" Unzählige Patienten berichteten von der gefürchteten Diät-Standpauke, selbst wenn ihr vorgebrachtes Anliegen ein entzündeter Schnitt, rauer Hals oder ein verstauchtes Handgelenk war. Bei einer stümperhaften gynäkologischen Untersuchung entließ ein Arzt seine Patientin mit dem Schluss: "Naja, Sie fasst ja wahrscheinlich eh kein Mann an." Beinahe scheint es so, als ob Ärzte dicke Menschen von Arztbesuchen abhalten wollten, besonders mit Sprüchen wie "Sie kommen mir nicht wieder, bevor Sie 20 kg abgenommen haben!"
Es ist verlockend, diese Berichte als seltene Anekdoten abzutun. Leider sind solche Vorkommnisse aber weitverbreitet und zeigen beispielhaft, wie dicke Menschen in unserer Gesellschaft schlecht behandelt und diskriminiert werden. Eine Untersuchung von Kevin Fontaine, David Allison und anderen zeigt: Je höher das Gewicht einer Frau, desto weniger wahrscheinlich erhält sie Vorsorgeuntersuchungen. Die Wissenschaftler schließen, dieser Mangel an Fürsorge "könnte die erhöhten gesundheitlichen Risiken der Fettleibigkeit verschlimmern oder gar auslösen" (Arch. Fam. Med. 1998:7:381-384). Eine solche taktlose ärztliche Behandlung kann zu lebenslanger Vermeidung und Verzögerung medizinischer Untersuchungen führen.
Sicherlich gibt es viele Krankheiten, die mit Fettleibigkeit in Zusammenhang stehen, aber der ist noch nicht zur Gänze erforscht. Es könnte beispielsweise sein, dass genetische Veranlagung zu bestimmten Krankheiten führt, die Gewichtszunahme mit sich bringen. Diagnostiziert ein Arzt "Fettleibigkeit", ohne erfolgreich Abhilfe zu schaffen, bleibt den Patienten keine Wahl. Oft werden zunächst Diäten verschrieben, obwohl die meisten Patienten langfristige Gewichtsabnahme oft mit allen heute bekannten Diäten, Trainings- oder medizinischen Programmen nicht erreichen. Scheitert die Gewichtsabnahme oder nehmen Patienten wieder zu, gelten sie als willensschwach oder gar bockig.
Seit Jahrzehnten empfehlen Ärzte den Menschen, abzunehmen, und haben damit erreicht, dass die Menschen dicker, nicht dünner werden. Ärzte sollten ihre eigenen, persönlichen Vorurteile gegen dicke Menschen abbauen. Wir alle müssen einen Weg finden, dass sich dicke und dünne Patienten gleichberechtigt um ihre körperliche Gesundheit kümmern können. Und wir müssen dafür sorgen, dass dicke Menschen sich wohl fühlen, wenn sie ärztlichen Beistand benötigen.
© 2003, Council on Size & weight discrimination. Aus dem Healthy Weight Journal, Spezialausgabe über den dicken Patienten, Sept/Okt 1997. Lynn McAfee ist die Leiterin des Medizin-Projekts für den Council. Schreiben Sie ihr eine E-Mail (auf Englisch) unter: lynn@cswd.org
Lesen Sie unsere News:
OVG NRW und VG BW urteilen positiv für dicke Verbeamtungs-anwärter
Hier finden Sie Antworten auf die häufigsten Fragen: FAQ.