Gewichtsdiskriminierung: ein Akt von Gruppenmoral?

Zitat-Dr-med-Gunter-FrankWir setzen unsere Interviewserie zum Abschlussbericht der von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) in Auftrag gegebenen Studie “Diskriminierungsserfahrungen in Deutschland” fort. In Woche 2 haben wir mit unserem Beiratsmitglied Dr. med. Gunter Frank, Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren, gesprochen.

Laut Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) wurden 634 Fälle von Gewichtsdiskriminierung geschildert. Hat Sie diese hohe Zahl überrascht, insbesondere weil ja nicht direkt nach Gewicht gefragt wurde?

Ich höre in meiner Sprechstunde von Patienten wöchentlich mehrere Schilderungen krasser und bösartiger Diskriminierungen gegenüber dicken Menschen. Insofern überrascht mich auf diesem Gebiet gar nichts.

Welchen Handlungsbedarf sehen Sie anhand des Berichtes?

Man kann nun über formale Maßnahmen diskutieren. Die werden aber nichts bringen oder sich sogar ins Gegenteil verkehren. Gut zu sehen an der aktuellen Kampagne schwere(s)los. Gut gemeint – wirklich? Das Problem liegt wesentlich tiefer.

Um es kurz zu machen, jede Gesellschaft braucht, um sich gut zu fühlen, eine Gruppe, auf die sie herabblicken kann. Dieses Verhalten ist tief in unseren Genen verankert und wird in der Evolutionssoziologie mit dem Begriff Gruppenmoral beschrieben. Es geht darum, das eigene Überleben zu sichern, indem ich Teil einer starken Gruppe werde. Gruppen werden dann stark, wenn sie sich eine Binnenmoral geben, die sie über andere erhöht. Diejenigen, die dann nicht in dieses Muster passen, sind dann Untermenschen und im Konflikt mit ihnen sinkt der Tötungsskrupel. Siegmund Freud drückt dies so aus: Es ist einfach, Menschen in Liebe zu vereinen, wenn man genügend übrig läßt, die die Aggressionen abbekommen. Alle Gesellschaften funktionieren so und suchen sich ihre Verlierergruppe. Völlig egal, ob dies über die Hautfarbe, die Religion, politische Einstellung oder das Gewicht passiert. In unserer heutigen Gesellschaft trifft es eben dicke Menschen.

Dicke Menschen werden also diskriminiert, damit sich die Schlanken als Siegergruppe fühlen dürfen. Weist man die Sieger auf ihr Steinzeitverhalten hin, hören die das gar nicht gerne, denn Sieger bleiben gerne Sieger. Sie kämpfen gegen rechts, engagieren sich gegen die Unterdrückung in Nepal, fühlen sich ganz toll dabei und merken nicht, dass sie in ihrem Alltag die gleiche Diskriminierungspraxis ausüben. Am besten getarnt als Hilfe, Arbeit macht ja bekanntlich frei. So führen Maßnahmen gegen Diskriminierung dicke Menschen als Freakshow der Öffentlichkeit vor mit dem perfiden Ziel, dass sie sich schlecht und krank fühlen sollen. Das genau ist das Ziel der Aktion schwere(s)los, finanziert von der DAK und Johnson und Johnson, einem Hersteller von Magenbändern. Würde der Verstand wenigstens auf Sparflamme arbeiten, würde man die Zusammenhänge sofort erkennen. Doch weit entfernt und irgendwann wird es dann gefährlich. Denn am Ende einer solchen Dynamik können immer Progrome stehen und wir stecken mitten in einem solchen Prozess. Abgesehen von wenigen sinnvollen Einzelfällen, wenn ich mir ansehe wie nun dicke Menschen im großen Stil verstümmelnden Operationen zugeführt werden sollen, ohne sie gründlich über die ruinösen Langzeitfolgen aufzuklären, dann kann ich das nur als bösartig bezeichnen.

Wie kann gewährleistet werden, dass jedem Menschen unabhängig von seinem Gewicht der gleiche Respekt entgegengebracht wird?

Etwas machen kann man erst dann, wenn man diese Zusammenhänge und damit verbundene Dynamik versteht. Man muß die Verantwortlichen konsequent mit ihrem beschämenden Steinzeitverhalten konfrontieren. Doch das ist extrem mühsam. Es wird zur Zeit viel über Fake News in den sozialen Netzwerken diskutiert. Gerade aber Wissenschaft, Politik und Qualitätsmedien verbreiten diese beim Thema Übergewicht seit Jahrzehnten mit unfassbarer Ignoranz und Überheblichkeit. Adipositas-Leitlinien, Regierungsprogramme, Heutejournal, Tagesthemen, Spiegel, Faz … einfach alle. Sicher spielen auch Geldflüsse eine Rolle, aber diese Dynamik erklärt nur die Macht der Gruppenmoral.

Man könnte nun zynisch hoffen, dass sich die Gesellschaft andere Opfer sucht, auch die Dünnen wurden schon diskriminiert, z.B. hagere Kinder in den 1960gern. Das hilft den jetzt Betroffenen aber nicht. Deswegen muß man sie stärken, damit sie die Verliererrolle nicht akzeptieren. Ich erlebe ständig in Talkshows dicke Menschen, die wie in Büßerhemden wirken. Genau so will man sie haben. So entsteht dauerhaftes Leid und die Gefahr von ständigen Diätversuchen und all das macht noch dicker. Viel besser ist es gegenüber den alltäglichen Übergriffen eine Art heitere Ignoranz zu entwickeln. Alles andere als einfach, aber die einzige Chance sich nicht von anderen die Lebensqualität stehlen zu lassen. Ganz besonders von denen, die es nur gut meinen. Dass versuche ich den Betroffenen klarzumachen. Immer wenn dabei auch gelacht wird, weiß ich, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Ich glaube im Zentrum sollte stehen, dass der aktuelle Umgang mit dicken Menschen einer Gruppenmoral-Logik folgt. Erst diese Einsicht wird gegenseitigen Respekt möglich machen. Bei praktischen Frage wie der Barrierefreiheit ist es mehr eine Frage des Interessensausgleichs. Größere Sitze im Flieger, wer trägt die Mehrkosten? Aber auch wenn Dünne mehr heizen müssen, weil sie naturgemäß mehr frieren, wer zahlt die Mehrkosten? Klar ist, nicht jede Ungleichheit kann gesellschaftlich aufgefangen werden. Wo würde man anfangen, wo aufhören? Irgendwann wird es absurd. Letztlich sollte es um die selbstbewusste Aushandlung vernünftiger, zivilisierter Kompromisse gehen, ohne gleich die Moral- oder Diskriminierungskeule für diese Zwecke zu bemühen. Das macht nämlich auch unglaubwürdig.