Medizin

Keine unvoreingenommene Diagnose

Wenn ein Mensch zum ersten Mal die Praxis betritt, sollte er ein unbeschriebenes Blatt sein. Bei der Behandlung seiner Beschwerden muss es das Ziel sein, die Ursache zu beheben statt nur Symptome zu behandeln.

Viel zu oft wird ein hohes Gewicht unter Annahme “falscher” Ernährung als Ursache für bestehende Beschwerden gewertet, so dass wichtige medizinische Fragen zur aktuellen Lebenssituation oder Familiengeschichte nicht gestellt werden. Die Folgen reichen von der nicht entdeckten Schilddrüsenunterfunktion bis zur über Monate hinweg als Diabetes behandelten unerkannten Schwangerschaft. Die Vorstellung, hochgewichtige Menschen könnten ein aktives Sexleben haben, scheint für viele Ärzte zu abwegig, darüber hinaus wird immer noch davon ausgegangen, bei hohem Gewicht würde sich automatisch Unfruchtbarkeit einstellen.

Behandlung auf Basis veralteter Fakten

Aktuelle Studien fließen – wenn überhaupt – nur langsam in den Paxisalltag ein. So wird ein hohes Gewicht immer noch als Ursache für Diabetes II betrachtet, während neue Forschungsergebnisse (siehe Selfish-Brain-Theorie) nahelegen, dass ein hohes Gewicht hier höchstens ein Symptom ist und sich Diabetes auf Anomalien in der Energieversorgung des Gehirns zurückführen lässt.

Die Vorurteilsfalle und ihre Folgen

Ein dicker Mensch steht unter dem Generalverdacht sich 365 Tage im Jahr aus Dummheit oder sogar mutwillig schlecht zu ernähren. Bei ihm wird auf Zuckerwerte und Cholesterin daher besonders geachtet. Gibt es Ausreißer in diesem Bereich, wird ihm schnell nahegelegt, durch die Krankenkasse angebotene Ernährungskurse zu besuchen, während praktisch nie hinterfragt wird, ob sich der Patient zum Beispiel in einer Krisensituation befindet, die sich negativ auf die Ernährung ausgewirkt hat.

Medikamente wie Metformin sind schnell zur Hand, obwohl die Werte über zusätzliche Bewegung (siehe HAES) sehr gut positiv beeinflusst werden könnten, doch leider wird dicken Menschen häufig unterstellt, sie hätten kein Interesse an sportlichen Aktivitäten.

Operative Behandlung gesunder Menschen

Mit der absoluten Kalorienzufuhr als einzig denkbarer Ursache und der Unterstellung von Willensschwäche seitens des dicken Patienten geht die zunehmende Empfehlung bariatrischer Behandlungen wie das Magenband oder der Magenbypass einher. Ist der Verdauungstrakt so konfektioniert, dass nur die Aufnahme kleinster Mengen möglich ist, werden auch die Pfunde purzeln – so die Theorie. Ob die aktuellen Laborwerte einen solch radikalen Eingriff rechtfertigen, ist dabei wenig von Belang, weil von einer zunehmenden Verschlechterung ausgegangen wird.

In der Praxis haben sich diese Eingriffe als hochgradig gefährlich erwiesen, sei es durch Komplikationen in der Wundheilung oder dem anfänglichen massiven Gewichtssturz, der den Körper schwer belastet und eine Unterversorgung im Bereich der Vitamine und Spurenelemente verursachen kann. Ein nicht erkannter Vitamin B12 Mangel kann hier zum Beispiel zu Symptomen führen, die denen einer Demenz entsprechen. Darüber hinaus binden diese Eingriffe den Patienten teilweise ein Leben lang an die Einnahme bestimmter Medikamente, was wohl kaum als eine Verbesserung der Gesundheit gewertet werden kann.

Ungeeignete medizinische Ausstattung

Krankenhäuser und Praxen sind vielfach mit medizinischen Geräten ausgestattet, die für Menschen ab einem gewissen Körperumfang nicht mehr benutzbar sind. Das geht von der ungeeigneten Manschette für die Blutdruckmessung, die zu entsprechenden Messfehlern führt, bis zum Kernspintomographen.

Dazu kommen in der stationären Behandlung ungeeignete Betten und fehlende Hebeunterstützungen für das Personal, die in der Pflege nicht nur im Fall von hochgewichtigen Menschen notwendig wären. Das stellte eine unnötige Erschwernis der Pflegetätigkeit dar, die einen Nährboden für Diskriminierung darstellen kann.

Benachteiligung beim Abschluss von Versicherungen

Der Umstand eines hohen Gewichtes wird unabhängig von den Laborwerten als Risikofaktor gewertet, weshalb dicke Menschen meist höhere Beiträge bei der privaten Krankenversicherung und für die Lebensversicherung zahlen müssen – natürlich sofern sie überhaupt aufgenommen werden. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen ist generell nicht möglich. Anscheinend werden hier hochgewichtige Menschen – böse gesagt – bereits als berufsunfähig eingestuft.