Plus-Size oder nicht Plus-Size?

Amy Shumer 2011 (Bild: Mario Santor)

Amy Shumer 2011 (Bild: Mario Santor)

Das ist die Frage, die sich die aufgeregte Öffentlichkeit stellt, seit sich die US-amerikanische Comedienne und Schauspielerin Amy Shumer Anfang April in ihrem Instagram-Account über ihren Namen auf dem Cover eines neu erschienenen Plus-Size-Magazins echauffierte: „Plus Size bedeutet in Amerika Größe 44. Ich bin Größe 38 bis 40. […] Sollen junge Mädchen, die meinen Körpertyp sehen, denken, das sei ‚Plus Size‘? Was denkt ihr? Ich finde das nicht cool und ‚Glamour‘ nicht glamourös.“

Eine Woche später stellte sie in einem Auftritt in der „Tonight Show“ klar: „Ich liebe das Glamour Magazin, die waren immer sehr nett zu mir. Die haben viele gute Dinge für Frauen getan. Aber nach meiner Erfahrung mögen es die Leute nicht, wenn man sie als ‚Plus Size‘ klassifiziert. Wir brauchen diese Etiketten nicht. Wir brauchen sie nicht.“ – Selbstverständlich brach schon nach ihrem Post der unvermeidbare Sturm an Posts und Meinungen über sie herein mit Stellungnahmen von „na klar bist du fett“ bis hin zu Lob für ihr Engagement für Gewichtsvielfalt. Die US-Ausgabe der Huffington Post, die ausführlich über die Debatte berichtete, fragte am 5. April, warum Plus-Size-Mode denn überhaupt ein separates Magazin brauche und nicht einfach im selben Heft wie die restliche Mode untergebracht werden sollte.

Eine sehr gute Frage, und mal ganz abgesehen davon, dass Shumer wohl Recht hat mit ihrer Einschätzung, dass der Großteil der dickeren Käuferinnen von Hochglanzmagazinen wohl wenig begeistert davon sein dürfte, als „übergewichtig“ klassifiziert zu werden, die Gründung eines Plus-Size-Modemagazins demnach vielleicht ein fragliches Geschäftsmodell ist: Brauchen wir separate Räume für dicke Menschen? Und wenn ja, in welchen Bereichen? Brauchen wir das Etikett „dick“ überhaupt?

Dass diskriminierende Etiketten, die uns von der „Normalität“ ausgrenzen (beispielsweise „übergewichtig“, „adipös“ oder eben auch: „Plus-size“), nicht auf unsere Begeisterung stoßen, ist mittlerweile bekannt. Glücklicherweise gibt es jedoch inzwischen eine ganze Anzahl von Organisationen, Gruppen und Initiativen, die sich im Sinne einer positiven Körperakzeptanz engagieren und Schutzräume bieten für dicke Menschen, die sich ständigen Diskriminierungen ausgesetzt sehen. Es ist leider nicht wegzudiskutieren, dass das Leben mit einem Stigma ständigen Stress bedeutet, selbst wenn gerade gar niemand „fette Kuh“ oder „Deutschlands Panzer rollen wieder“ ruft. Aufgrund der ausgesprochen feindlichen gesellschaftlichen Grundstimmung gegen dicke Körper muss in praktisch jedem Kontext immer erst einmal angenommen werden, dass andere zumindest latent stigmatisierende Meinungen über dicke Menschen vertreten (und sei es nur, dass dicke Menschen physisch oder körperlich krank seien und der Behandlung bedürften). Es tut gut, einen Schutzraum zu haben, innerhalb dessen zumindest ein wenig aufgeklärter gedacht wird (man muss sich nicht der Illusion hingeben, dass es nicht auch unter Menschen, die sich gegen die Diskriminierung dicker Menschen zusammentun, zu Diskriminierungen kommen kann und kommt. Unsere kulturelle Imprägnierung mit anti-dicken Vorurteilen ist selbst im Fat-Acceptance-Kontext nicht einfach abzustreifen). Aus demselben Grund, nämlich dem, einen Schutzraum vor Diskriminierungen und Raum für Austausch unter Gleichgesinnten zu bieten, haben auch Schwulenclubs und Frauengruppen ihre Berechtigung.

Ist ein Modemagazin jedoch ein Schutzraum? Es könnte einer sein, je nachdem, wie das Magazin aufgezogen wird. Genauso wie ein Große-Größen-Geschäft ein Schutzraum sein kann vor den verächtlichen Blicken der schlanken Kundschaft. „Glamour Special“ outet sich aber schon im Titel als alles andere als antidiskriminierend, erinnert er die geneigte Leserin doch sofort daran, dass sie nicht dazugehört, nicht normal, sondern „special“ ist, also irgendwie außen vor steht. Das Wort „special“ hat im Englischen auch einen Anklang von „special needs“, also Behinderung, die gesonderter Integrationsmaßnahmen bedarf. – Wir dürfen also gespannt sein, wie lange sich „Glamour Special“ am Markt hält.

Statt mit der Huffington Post darüber nachzudenken, Mode in großen Größen im selben Magazin zu präsentieren wie „normalgroße“ Mode (was auch immer „normalgroß“ sein soll), fordern wir hier also nur zum Spaß einmal die Abschaffung der „Übergrößen“-Mode: keine separaten Modelabels, keine separaten Geschäfte, keine separaten Modemagazine! Kleiderhersteller werden dazu verpflichtet, alle Größen von 30 bis 70 anzubieten. Was würde das verändern? Frauen wie Amy Shumer mit einer Kleidergröße von 38-40 würden vielleicht nicht mehr als „über-“, „plus“ eingestuft. Das Etikett „fett“ würde ihnen aber immer noch nach Belieben angeheftet, wenn es jemandem einfiele, sie zu beleidigen; denn dieses Etikett wird jeder Frau (zunehmend auch jedem Mann) angeheftet, egal wie dick oder dünn, wenn sie oder er rhetorisch aus der Gesellschaft verstoßen werden soll. Und diejenigen unter uns, die – oh Schreck! – Größe 44 oder größer tragen, wären ja sowieso immer noch jenseits von Gut und Böse.